Eltern-Kind-Entfremdung (Parental Alienation Syndrom): Eine schwerwiegende Trennungsfolge

Vor einigen Jahren kam es in meinem Bekanntenkreis zu einer Trennung. Trennungen mit Kindern – heute keine Ausnahmen mehr. Was dann passierte, konnte aber zunächst keiner der Beobachter verstehen.

 

Die 13-jährige Tochter brach den Kontakt zur Mutter vollständig ab und wollte sie, von heute auf morgen nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen.  

Die Mutter erfuhr die totale Ablehnung.

Jegliche Annäherungsversuche der Mutter wurden abgeblockt, Geschenke abgelehnt, sogar am Geburtstag. Auch die Freunde der Mutter und deren Familien waren plötzlich Feinde, Anrufe blieben unbeantwortet. Auf einmal gab es nur noch diese Mauer.

Vor der Trennung standen sich Mutter und Tochter nah, machten gemeinsam Sport und tauschten gern die Kleidung.

Was ist passiert?

Wenn nach der Trennung der Eltern nicht ein Elternteil, sondern das Kind den Kontakt abbricht ohne dass etwas Schlimmes zwischen Elternteil und Kind vorgefallen ist, dann kann man von Eltern-Kind-Entfremdung oder Parental Alienation Syndrom (kurz PAS) sprechen.

Entscheidend für dieses Syndrom ist, dass ein Elternteil das Kind in der Haltung zum anderen Elternteil aktiv beeinflusst – sei es bewusst oder unbewusst.

Man spricht deshalb auch von induzierter Eltern-Kind-Entfremdung.

PAS ist eine Trennungsfolge, die nicht selten ist. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass das zwar schlimm sei, man sich aber nicht in den Rosenkrieg anderer einmischen dürfe, ist PAS in Deutschland als eine schwere Form des psychischen Kindesmissbrauchs anerkannt und als solche vom Kinder- und Jugendschutz zu behandeln. 

Für die betroffenen Kinder beginnt nämlich ein unlösbarer Loyalitätskonflikt, der, unerkannt und unbehandelt, lebenslange psychische und emotionale Beeinträchtigungen nach sich zieht.

Es ist nachvollziehbar – ein Kind in dieser Situation befindet sich in einer absoluten Zwangslage. Entweder es lehnt den einen Elternteil ebenfalls ab oder es beginnt der Konflikt mit dem Elternteil, auf den das Kind mit Leib und Leben angewiesen ist.

Die betreffenden Kinder können sich in keiner Weise selbst helfen und müssen somit zwingend geschützt werden!

Wie erkennt man PSA?

Hilfe zur Einordnung einer vorherrschenden Situation findet man in vielen Fachartikeln im Internet. Umfassende und verständliche Informationen gibt es zum Beispiel hier.

Wie man PAS erkennen kann, beschreibt beispielsweise das 5-Faktoren-Modell von Dr. Amy Baker:

  • am Verhalten des Kindes
  • am Vorhandensein einer früheren, positiven Beziehung zum abgelehnten Elternteil
  • am Fehlen von Missbrauch oder Vernachlässigung durch den abgelehnten Elternteil
  • der ablehnende Elternteil wendet die 17 primären Strategien entfremdender Elternteile an (Schlechtreden, Kontaktreduzierung, Störung der Kommunikation, die Liebe des anderen Elternteils leugnen, das Kind wird zum Verbündeten, …)
  • an den 8 Verhaltensmerkmalen eines Kindes bei PAS:

– Unbegründete Ablehnung und Abwertung eines Elternteils durch das Kind, „Hass“

– Absurde oder irrationale Begründung für diesen Hass

– Fehlen der üblichen Ambivalenz gegenüber dem abgewerteten Elternteil

– Das Kind besteht darauf, dass die starke Ablehnung allein seiner Entscheidung entspringt (Phänomen der „eigenen Meinung“)

– Reflexartige, undifferenzierte Parteinahme für den programmierenden Elternteil

– Fehlen von Schuldgefühlen gegenüber dem abgelehnten Elternteil

– Gebrauch von Redewendungen des bevorzugten Elternteils, „geborgte Szenarien“

– Ausweitung der Ablehnung auch auf die Familie und Freunde des abgelehnten Elternteils

 Wie hilft man betroffenen Kindern?

Um betroffenen Kindern zu helfen, braucht es Menschen um sie herum, die erkennen können, was gerade geschieht. Ist der programmierende Elternteil gesprächsbereit, können Therapien für Eltern und Kind hilfreich sein. Dabei gilt: Je früher eine Intervention stattfindet, desto besser.

Zudem ist es hilfreich, den Kontakt zum abgelehnten Elternteil aufrecht zu erhalten und nicht zu reduzieren. So bleibt die Möglichkeit, dass das Kind eigene Erfahrungen mit dem Elternteil macht und ein eigenes Bild als Gegenpol zum vermittelten Bild bestehen kann.

Ist es nicht möglich, die Eltern zu einem Einsehen oder einer Verhaltensveränderung zu bewegen, müssen die Instanzen des Kinderschutzes informiert und involviert werden.

In jedem Fall gilt es, ein Kind vor den massiven Folgen von PAS zu schützen. In extremen Fällen kann die Herausnahme des Kindes aus der Obhut des manipulierenden Elternteils notwendig sein.


 

Nach einer Studie des Deutschen Jugend Instituts haben in Deutschland 17,5% der Trennungskinder keinen Kontakt mehr zum anderen Elternteil. 25% haben nur selten Kontakt.

 


 

Im Falle meiner Bekannten konnten sich die Mutter und die Tochter nach vielen, kleinen Schritten wieder annähern. Die Erinnerungen bleiben und so wird die Beziehung nie wieder sein, was sie vorher war. Den Kontakt zum manipulativen Vater hat das Kind abgebrochen.

 

Autorin: Steffa Gottwald, Dipl. Sozialpädagogin (FH), Mitarbeiterin Frühe Hilfen in den Erstaufnahmen bei der Mobilen Ambulanten Pflegepartner GmbH & Co. KG – Münchner Kindl

Unsere Stützpunkte

Cookies & Skripte von Drittanbietern

Diese Website verwendet Cookies. Für eine optimale Performance, eine reibungslose Verwendung sozialer Medien und aus Werbezwecken empfiehlt es sich, der Verwendung von Cookies & Skripten durch Drittanbieter zuzustimmen. Dafür werden möglicherweise Informationen zu Ihrer Verwendung der Website von Drittanbietern für soziale Medien, Werbung und Analysen weitergegeben.
Weitere Informationen finden Sie unter Datenschutz und im Impressum.
Welchen Cookies & Skripten und der damit verbundenen Verarbeitung Ihrer persönlichen Daten stimmen Sie zu?

Sie können Ihre Einstellungen jederzeit unter Datenschutz ändern.